„Mit dem Recherchieren kann ich ganze Nächte verbringen.“

Juliane Sarnes gehört zu den Gewinnerinnen des narrativa-Schreibwettbewerbs. Im Interview verrät sie, wie neben einer Karriere in der Finanzwelt und zwei kleinen Kindern noch Zeit zum Schreiben bleibt. Außerdem geht es um ihre Leidenschaft fürs Recherchieren, starke Frauenfiguren und märkisches Platt.

Juliane Sarnes, Ihr Roman spielt im brandenburgischen Bernau zur Zeit des 30-jährigen Krieges. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Das Kuriose ist: Ich konnte mir nie vorstellen, einen historischen Roman zu schreiben. Es erschien mir viel zu schwierig, aus einer Zeit zu erzählen, die so weit zurückliegt. Eigentlich habe ich für einen Wenderoman recherchiert, der ebenfalls in Bernau spielen sollte. Dabei bin ich im Archiv auf Protokolle zu den Bernauer Hexenprozessen gestoßen. Zusammen mit den alten Sagen, die sich um die Geschichte der Stadt ranken, ist daraus die Idee zu diesem Romanprojekt entstanden.

Warum haben Sie ausgerechnet Bernau ausgewählt?
Ich bin in Bernau aufgewachsen, und die besondere Sagenwelt der Stadt hat mich meine ganze Kindheit über begleitet. Heute würde man sagen: Das ist ein Ort im Berliner Speckgürtel. Aber damals war es eine berühmte Brauerstadt, die seit dem Mittelalter als uneinnehmbar galt. Daraus haben die Einwohner ein Selbstbewusstsein geschöpft, das sich auch in den vielen Sagen und Geschichten niederschlägt.

Bei einem historischen Roman soll die Sprache zur jeweiligen Zeit passen, aber auch für heutige Leser verständlich sein. Wie bekommt man das hin?
Ich habe in Archiven recherchiert und alte Texte im Original gelesen. Hilfreich waren auch literarische Texte aus der Zeit. Beim Lesen nimmt man die Sprache in sich auf und es bleibt ein Nachhall. Davon ist etwas in meinen Text eingeflossen. Die ersten Entwürfe klingen noch sperrig. Ich habe dann ausprobiert, wie viele dieser alten Wörter der Text verträgt und sie so dosiert, dass heutige Leser hoffentlich Spaß daran haben.

Was war bei der Recherche am schwierigsten?
Die Dokumente der damaligen Zeit sind in der Deutschen Kanzleischrift, Kanzleikurrent, abgefasst. Anfangs konnte ich das kaum entziffern, zumal sich ja die verschiedenen Handschriften unterscheiden. Außerdem sprach man damals in Brandenburg Märkisch Platt, und auch viele Quellen sind in Niederdeutsch geschrieben. Diese Kombination aus alter Schrift und alter Sprache war schon schwierig. Zuerst habe ich Buchstabe für Buchstabe gelesen, inzwischen bin ich schon ziemlich schnell. 

Das klingt aufwändig. Wie haben Sie sich bei der Recherche motiviert?
Recherchieren macht mir unheimlich viel Spaß, Archive und Bibliotheken sind mein Biotop. Mit dem Recherchieren kann ich ganze Nächte verbringen. Da muss ich mich richtig bremsen, um am nächsten Tag nicht zu müde für alles andere zu sein.
Tatsächlich habe ich eine Menge Material gesammelt, das ich im Roman gar nicht direkt verwenden kann. Vielleicht wird daraus mal ein Blog oder ein Podcast.

Auch die Rollenbilder waren im 16. Jahrhundert ja vollkommen anders als heute. War es schwierig, authentische Figuren zu zeichnen, insbesondere Frauenfiguren?
Ich wollte auf keinen Fall nur so einen Männerclub darstellen, sondern es sollten auch starke Frauen vorkommen. Und die hat es zu jeder Zeit gegeben, man muss sie nur finden. Die meisten überlieferten Quellen sind von Männern geschrieben. Frauen kommen darin nur selten vor und werden aus einer männlichen Perspektive betrachtet. Da muss man sie ein bisschen herausschälen, aber sie sind da. Was die unterschiedlichen Werte angeht: Auch wenn sich unsere heutige Gedankenwelt sehr von der damaligen unterscheidet, sind viele Probleme nach wie vor aktuell. Zum Beispiel: Wie kann ich neben der Mutterschaft noch als Mensch bestehen? Obwohl sich seit dem 16. Jahrhundert viel verändert hat, stehen solche Fragen auch heute noch im Raum.

Sie sind selbst Mutter, haben promoviert und in der Finanzbranche Karriere gemacht. Wann bleibt da noch Zeit zum Schreiben?
In die Recherche bin ich während meiner Elternzeit so richtig eingetaucht. Da hatte ich einfach Glück, weil mein zweiter Sohn ein sehr pflegeleichtes Baby war und viel geschlafen hat. Bis vor Kurzem habe ich noch als Analystin und Managerin gearbeitet, 60 bis 70 Stunden die Woche, daneben dann noch die Familie. Da blieb wenig Zeit, und Schreiben wurde für mich so eine Art Eskapismus. In den Morgenstunden, wenn alle noch schliefen, habe ich meine Welten gebaut. Ich glaube, es ist meine Stärke, dass ich wenig prokrastiniere. Statt um irgendwelche Hürden herum zu schleichen, versuche ich, sie zu zerschlagen, sobald sie auftauchen. – Derzeit fokussiere ich mich ganz aufs Schreiben und auf mein Buch, habe also endlich viel Zeit dafür.

Wie geht es mit Ihrem Manuskript weiter?
Die Rohfassung ist fertig, die Figuren und die Handlung stehen. Jetzt bin ich dabei, den zweiten Entwurf zu schreiben und stilistisch zu polieren. Da werde ich mich bis zum Ende durcharbeiten und dann hoffentlich eine Agentur finden.

Juliane Sarnes, Jahrgang 1982, hat als promovierte Staatswissenschaftlerin bisher vor allem wissenschaftliche Artikel und Essays veröffentlicht. Während des Studiums in München, Paris und London arbeitete sie als freischaffende Übersetzerin, anschließend zehn Jahre lang in der Londoner Finanzwelt. Heute lebt sie mit Mann und Kindern in der Schweiz.