„Wir gucken uns die Figuren in 3D an.“

Die Autorin und Lektorin Henriette Dyckerhoff nimmt Romanfiguren gern mit psychotherapeutischen Methoden unter die Lupe. Wie das funktioniert und welche Überraschungen es birgt, zeigt sie zusammen mit der Psychotherapeutin Elisabeth Drimalla in einem Seminar.

Henriette Dyckerhoff, um interessante, abgründige und stimmige Figuren soll es in Ihrem Seminar gehen. Was braucht eine gute Romanfigur?
Wenn ich einen Roman lese, möchte ich mich mit den Figuren identifizieren können. Das gelingt mir am besten, wenn sie so ambivalent und zwiespältig sind wie Menschen im echten Leben. Also nicht nur böse oder nur gut, sondern von beidem etwas und gleichzeitig fröhlich, grimmig, liebevoll und abweisend. Außerdem ist es schön, wenn eine Figur auch über sich hinauswachsen kann. 

Wie helfen Sie den Figuren der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf die Sprünge?
Geschichten entstehen oft aus Konflikten, an denen die Hauptfigur sich dann abarbeiten muss. Ein ängstlicher Charakter wird beispielsweise in eine besonders gefährliche Situation geschickt, die er irgendwie bestehen muss. Wir stellen die Figurenkonstellationen der Geschichten mit Teilnehmern als Stellvertretern nach, so wie man es auch in Familienaufstellungen macht. Auf diese Weise kann man die Gefühle der Figuren quasi miterleben, Konflikte werden deutlicher und lassen sich für die Geschichte nutzen. Wenn in einer Aufstellung die Spannung fehlt, kann man gemeinsam überlegen, welche Konstellation zu einem drastischeren Konflikt führen würde.
Einzelne kurze Szenen spielen wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch nach, so wie man das im Psychodrama macht. Dabei zeigt sich gut, an welchen Schrauben man drehen kann, um die Figuren stimmiger und vielschichtiger zu machen, was dann wiederum die Geschichte intensiver und spannender werden lässt.

Psychodrama und Familienaufstellung sind Methoden aus der Psychotherapie. Wie lassen sich solche Ansätze für Figuren nutzen, die nur auf dem Papier und im Kopf des Autors beziehungsweise der Autorin existieren?
Indem wir Aufstellungen machen oder eine Szene nachspielen, holen wir die Figuren aus dem Kopf der Autorin oder des Autors heraus und gucken sie uns sozusagen in 3D an. Dabei zeigt sich oft sehr schnell, ob eine Geschichte funktioniert. Indem andere Teilnehmerinnen die Rollen übernehmen, beginnen die Figuren ein Eigenleben zu entwickeln, wie wir es auch aus kreativen, produktiven Schreibphasen kennen. Der Einfluss der Persönlichkeit der Spielenden ist dabei erstaunlich gering, tritt in den Hintergrund.

Geht es im Seminar auch um das Seelenleben der Teilnehmerinnen und Teilnehmer? 
Die Figuren entspringen ja unmittelbar der Phantasie einer Autorin oder eines Autors, insofern sind sie durchaus eine persönliche Angelegenheit. Aber wir achten darauf, dass es wirklich nur um die Motive, Beweggründe und Befindlichkeiten der ausgedachten Figuren und nicht um die der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geht.

Sie sind ja selbst Autorin. Wie entwickeln Sie Ihre Romanfiguren?
Das kann ich nicht genau beantworten. Ich mache mir eigentlich zuerst Gedanken um ein bestimmtes Thema und überlege dann, was für Figuren dazu passen könnten. Manchmal suche ich auch nach Musik, die zu den einzelnen Figuren passt. Ob das hilft, weiß ich nicht. Es macht aber Spaß.

Arbeiten Sie dabei auch mit Psychodrama und Familienaufstellung?
Wenn ich meine Figuren entwickle, berate ich mich gerne mit Elisabeth. Sie ist ärztliche Psychotherapeutin und hat einen Blick dafür, ob eine Figur stimmig ist und welche Motive zu einer bestimmten Handlungsweise passen. Wir haben uns über die Textmanufaktur kennengelernt. Ich habe sie im Fernstudium als Lektorin betreut, dabei wurde klar, dass wir sehr viel mit der Arbeitsweise der jeweils anderen anfangen können. Durch den Austausch sind wir auf die Idee gekommen, ein Seminar anzubieten, bei dem wir Romanfiguren mit Methoden der Psychotherapie unter die Lupe nehmen. Und ja, ich wende diese Methoden auch selbst an. Aufstellungen kann man zum Beispiel auch gut mit Playmobilfiguren machen.

Henriette Dyckerhoff, Jahrgang 1977, studierte Philosophie und Soziologie in Oldenburg. Es folgte ein Volontariat beim Murmann Verlag in Hamburg. Seit 2008 arbeitet sie freiberuflich als Lektorin und Autorin. Für die Arbeit an ihrem Roman „Was man unter Wasser sehen kann“ (Aufbau Verlag) erhielt sie ein Stipendium vom Land Niedersachsen.